Edition Sterntaucher

Brit Rodenberg

 

Eine Zeitreise ins frühe Mittelalter



Dass es kein Aussteigerurlaub wird, hatte man uns gesagt. Vor dem Einchecken. Obwohl es genau das ist, was ich eigentlich suche. Ruhe. Inneren Frieden. Mich selbst? Vielleicht. Meine Tochter treibt eher die Abenteuerlust.


Nach der Einweisung für die „neuen Freiwilligen“ nehmen wir die Leinenkleidung entgegen und legen sie an. Streifen die Sicherheitsschuhe über. Die sind Pflicht, wenn man hier alles ausprobieren will. Denn wir sind auf einer Baustelle. Auf einer Baustelle zur Errichtung eines karolingischen Klosterdorfs. Nach einem Plan, dem wohl ältesten Bauplan aus dem frühen Mittelalter, gezeichnet von Mönchen auf der Insel Reichenau, ungefähr um 830 n.Chr. Ursprünglich bestimmt für St. Gallen und deshalb auch danach benannt. Und genau dort ist er bis heute zu finden: in der Stiftsbibliothek von St. Gallen.


Erstmal ein Rundgang. Damit wir einen Überblick bekommen. Ankommen. Die Situation - eine völlig andere, als bei den Besuchen zuvor. Ein Blick hinter die Kulissen. Ernüchterung. Zweifel. War es die richtige Entscheidung, den Jahresurlaub hier zu verbringen? Für den Moment schießt mir ein Bild vom sonnigen Sandstrand in den Kopf, an dem ich jetzt liegen könnte. Nein, diese Art Urlaub zu machen ist nicht mein Ding. Ich hab Mühe, mich einzufinden. In der Weberei werden wir freundlich aufgenommen und dürfen ein bisschen Schafswolle zupfen. Von der Moorschnucke. Interessiert hören wir zu, was Isabelle, eine nette Lehrerin aus der Schweiz den Besuchern über Gewinnung, Reinigung und Verarbeitung der Wolle erzählt. Die Zeit will nicht vergehen. Mein Magen knurrt. Wann gibt’s Essen?

 


Als endlich die Tabula geschlagen wird, sind wir sehr hungrig und laufen mit den anderen zum Mitarbeiterbereich. Heute werden wir dort nicht essen, sondern uns auf dem Markt etwas fürs Klosterleben Zeitgemäßes gönnen. Wir sitzen zwischen den Besuchern. Sie fragen uns allerhand Dinge, die wir nicht wissen. Wir sind doch den ersten Tag hier und deshalb etwas nachdenklich und unsicher! Aber das wird. Die Kinder am Nebentisch schauen uns mit großen Augen an und fragen, wo sie uns nachher finden. Wir erklären es ihnen und gehen bald wieder an die Arbeit. Am Nachmittag zieht starker Regen durch. Es kühlt merklich ab. Die warmen Sachen zum Drunterziehen liegen im Auto. Auf dem Besucherparkplatz. Von der Weberei ein weiter Weg. Wir bleiben hier und ziehen das durch. In der Holzhütte finden wir etwas Schutz. Isabelle leiht meiner Tochter ihren Wollumhang. Das ist nett von ihr. Die Zeit kriecht. Vor allem, weil am Nachmittag wenig Besucher vorbeischauen. Das Wetter halt. Wir bleiben bei der Arbeit und unterhalten uns mit den anderen Frauen. Über den Campus. Ich hab so viele Fragen. Irgendwann ist es 18 Uhr und die Tabula läutet das Ende des ersten Tages ein.

Die nächsten Tage bleiben wir in der Weberei. Bald weiß ich so viel, dass ich Isabelle beim Erklären entlasten kann. Wir versuchen, die Kinder einzubeziehen, z.B. beim Trennen von Deck- und Unterhaar oder beim Kämmen der Wolle. Zeigen ihnen, was man aus der Wolle hergestellt hat und mit welchen Techniken man damals gearbeitet hat. So vergeht die Zeit viel schneller. Aber das ist nicht unser Ziel. Wir machen hier Urlaub. Können jederzeit raus aus der Nummer. Doch das wollen wir gar nicht. Die Tochter drängelt. Ihr ist langweilig. Sie liebt Abwechslung. Action. Möchte noch andere Stationen ausprobieren.

 

 


Sie will an die Mauer. Die Mauer - das ist die Bewährungsprobe. Das ist Hardcore. Natalie war die letzten Tage dort. Sie hat uns gezeigt, wie man mit der Holzschaufel Sand auf einen Holzkarren befördert. Die Holzschaufel auch nur anzuheben, ist bereits Schwerstarbeit. Wie soll das gehen?

Heute ist es sehr heiß. Die Sonne knallt auf den Friedhofsplatz, an den sich der Gemüsegarten anschließt. Wir laden Felsbrocken auf den Karren mit den zwei hölzernen Rädern und bringen sie zur Mauer. Dort wird abgeladen. Wir sind nicht allein. Eine Gruppe junger Leute hilft uns. Sie sind ganz wild darauf, den Holzkarren zu ziehen. Wir auch! Und die Besucher haben ihr Fotomotiv. Wir dürfen nicht fotografieren. Strengstes Handy- und Kameraverbot! Schminken ist auch nicht erlaubt. Das ist hart. Ein paar starke Männer gesellen sich zu uns. Einer schlägt vor, eine Kette zu bilden, um die Steine an einen anderen Ort zu verlagern. Dann kann gemäht werden. Mit der Sense, versteht sich. Wir bilden also eine Kette. So geht es wirklich viel leichter. Ich hoffe, Rücken und Bandscheiben halten das aus. Es macht Spaß in der Runde. Wir lachen viel, obwohl wir aufpassen müssen, weil das beim Heben der schweren Steine sicher nicht gut ist. Am Nachmittag erholen wir uns in der schattigen Weberei. Jetzt erst wissen wir, wie gemütlich es hier ist. Die Zeit verfliegt.


 

Der Tag danach. ALLES tut mir weh. Rücken. Arme. Beine. Hände. Knie. Muskelgruppen, von denen ich nicht einmal ahnte, dass ich sie habe, schmerzen. Jede Bewegung - eine Plage. Au. Au. Au. Nur nicht wieder bücken! Am besten sitzen und nicht bewegen. Mein Auftritt im Mittelalter-gewand fällt heute weniger grazil aus. Aber das hier ist keine Bühne. Sondern ne Baustelle. Und ich mag rustikal. Ich mag den Wald. Die Ruhe hier. Das wollte ich. Genau das.



Später besuchen wir den Korbmacher, helfen beim Töpfer und in der Weberei, denn dort ist gerade Personalengpass. Meine Tochter gönnt mir ne Pause. Lieb von ihr. Wasser holen für den Töpfer - mit zwei Holzeimern – das ist wieder beschwerlich. Langsam gewöhnen wir uns an die harte Arbeit. Alles ist freiwillig hier. Niemand muss.



Am sonnigen Wochenende ist im Campus richtig was los. Von morgens bis abends teilen wir unser Wissen und unsere Begeisterung mit den Besuchern. Ich frage sie, was ihnen am besten gefällt. Natürlich sind die Kinder von den Tieren angetan. Schafe, Ziegen, Ochsen, Hängebauchschweine und Hühner leben hier.

 

Die meisten mögen die Holzkirche. Ja, die finde ich auch besonders schön. Langsam werd ich heiser. Zu wenig getrunken. Pause gönnen wir uns nur zum Mittagessen im Mitarbeiterbereich. Wer hart arbeitet, muss ordentlich essen. Es schmeckt köstlich. Wahrscheinlich liegt’s an der vielen frischen Luft. Es ist schön, mit den anderen zusammenzusitzen und sich auszutauschen. Karin erzählt mir von den vielen Aufgaben, die sie hier hat. Sie kümmert sich um die Bekleidung, um die Wäsche, um die Färberei und vieles mehr. Ihre Handarbeiten begeistern mich. Auch Mechthild, die Frau am Webrahmen beeindruckt mich schwer. Es sind so viele. Andreas, der jeden Morgen in der Holzkirche etwas aus der Bibel des 9. Jahr-hunderts vorliest und uns damit zum Nachdenken und Diskutieren anregt und mit Michael die Innenarbeiten der Holzkirche plant und ausführt. Hans, der die wunderschönen Holzpfeiler herstellt. Und viele andere. Manche sind schon von Anfang an dabei. Es ist wunderbar. Ich fühle, dass ich hierher gehöre und bin froh, dass wir zwei Wochen gebucht haben.

 

Hitze pur. Mareike fragt bei der morgendlichen Besprechung nach Hilfe bei der Ernte. Kaum einer meldet sich. Um ehrlich zu sein - ich bin auch nicht wirklich scharf drauf. Meine Tochter kennt keine Gnade. Wir melden uns freiwillig als Erntehelfer und machen uns mit den anderen auf den Weg - raus aus dem Wald hinaus aufs Feld. Unbarmherzig knallt die Sonne. Wir bekommen Handschuhe und Handsicheln. Und eine kurze Einweisung, wie man diese benutzt, ohne sich zu verletzen. Gefolgt von der Warnung aufzupassen. Dann ernten wir Roggen. Bei 35°C in der Sonne denke ich an einen kühlen Pool und Cocktails mit Papiersonnen­schirmchen. Am Nachmittag sind wir nur noch zu dritt. Mareike, meine Tochter und ich. Bei den Temperaturen ist das jetzt wirklich Schufterei. Wir haben uns Strohhüte organisiert. Das hilft ein wenig. Trotzdem ist es harte Arbeit, bei der es nur sehr, sehr langsam vorangeht. Heute Abend soll Gewitter aufziehen. Da muss die Ernte drin sein. Mir ist das schnurz. Doch meine Tochter gibt alles. Sie schlägt eine Schneise der Verwüstung ins Roggenfeld und kämpft sich verbissen zu dessen Rand vor. Mareike und ich arbeiten rechts und links hinter ihr. Der geerntete Roggen muss in einer bestimmten Technik aufgeschichtet und mit einem Seil zusammengebunden werden. Mir ist so heiß. Das Wasser tropft mir von der Stirn. Ne kühle Dusche wär jetzt gut. Oder ein mittelalterlicher Klosterbadesee. Nebenan liegt eine saftige Weide, auf der friedlich zwei Ochsen grasen und vor sich hin dösen. Gelangweilt schauen sie zu uns herüber. Müssten die nicht auch was tun?



 

 

 


Am Abend haben wir unser Tageswerk vollbracht - der Roggen liegt in der Scheune. Wir haben es geschafft. Sind zufrieden auf eine Art, die aus Körper und Seele strömt. Das Gewitter bricht erst viel später los, dafür umso heftiger. Gut, dass der Roggen drin ist.

In den nächsten Tagen ernten wir Leinsamen und Linsen. Nun, da ich weiß wie mühselig es ist, am Boden kriechend zwischen allen möglichen anderen Pflanzen Linsen zu pflücken, habe ich zu den Linsen ein neues, innigeres Verhältnis. Es ist etwas völlig anderes, als sie einfach im Laden zu kaufen.



Am Abend ist Richtfest. Die Hütte für die Lernpädagogik hat ihr Dach. Wieder ein Stück geschafft. Wir sitzen gemütlich zusammen. Die Festangestellten und die Freiwilligen. Endlich kann ich nochmal Fragen stellen. Wie es mit dem Campus Galli angefangen hat. Welche Hürden zu meistern waren. Was die nächsten großen Projekte sind. Und und und ...













 


Nach zwei Wochen, vielen Eindrücken und einer unglaublichen inneren Ruhe und Zufriedenheit verabschieden wir uns vom Campus. Dankbar für die Zeit, die Erfahrungen, die Begegnungen und das Miteinander. Bis bald :)






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