Edition Sterntaucher

Brit Rodenberg

 

Aus Berufung Schäfer

Freitag. Feierabend. Wochenende. Ich bin unterwegs. Zurück zum See. Lasse die Woche Revue passieren. Und bin zufrieden. Die Kälte der letzten Wochen ist vorüber. Die Natur – noch öd und kahl. Der Frühling kommt.

Rechts sehe ich eine große Schafherde. Schon lange bin ich auf der Suche danach. Heute hab ich Glück. Und die Kamera dabei. Ich halte am Straßenrand.

Es gibt keinen Zaun; die Schafe laufen frei. Ich steige aus und versuche für ein Foto näher heranzukommen. Ein bisschen sorge ich mich, sie könnten mich überrennen. Die Schafe schauen neugierig-irritiert. Einige blöken laut los. Ich muss grinsen. Die haben Angst, obwohl sie so viele sind. Ich bin allein. Und klein. Keine wirkliche Bedrohung. Ich esse nur Osterlämmer, mit Puderzucker obendrauf. Davon wissen sie natürlich nichts.  

Ich nehme die Schafe ins Visier und suche nach dem passenden Motiv. Alle? Oder nur eins? Was will ich ausdrücken? Was soll rüberkommen? Ich taste mich ran. Gleichzeitig beobachte ich die Tiere. Sehe ihre Gesichter. Sehe sie beieinander stehen. Große und Kleine. Helle und Schwarze.

Mal stehen sie ruhig da und schauen zu mir herüber. Mal kommt Bewegung in die Herde und sie springen über den kleinen Graben, der sich durch die Weide zieht. Ein junger Bock tollt übermütig in wilden Bocksprüngen herum. Frühlingsgefühle? Dann kehrt langsam wieder Ruhe ein. Spüren sie, dass von mir keine Gefahr ausgeht? Oder habe ich mich durch das Fotografieren beruhigt - und das kommt auf der anderen Seite an?

Eine kleine Weile stehe ich so da, versunken in Tier und Natur. Plötzlich rasen zwei schwarze Hunde auf mich zu. Wo kommen die denn jetzt her? Mir wird heiß. Hoffentlich sind sie nicht auf Angriff gepolt. Und da ist auch ein Schäfer. Energisch ruft er seine Hunde zurück und ist in wenigen Schritten bei mir. Er beruhigt mich. Erklärt, dass die Hunde nichts tun. Darüber bin ich froh. Wir kommen ins Gespräch und ich frage ihn, ob er hauptberuflich als Schäfer arbeitet. Er ist sehr freundlich und erzählt mir offen über seine Arbeit und sein Leben.

Der junge Schäfer ist mit seinen Schafen 365 Tage im Jahr draußen. Bei Wind und Wetter, Regen, Schnee, Eis, Hitze und Sturm. Schon als Kind wollte er das. Es ist sein Ding. Natürlich gibt es auch  Tage, an denen er keine Lust hat. Kann er davon leben? Schäfer leben heute vor allem von den Subventionen. Die erhalten sie in einem Zeitraum von Dezember bis Juni – die ganze Summe als Einmalbetrag. Damit müssen er und seine junge Familie mit 2 Kindern auskommen. Wann das Geld von der Behörde gezahlt wird, ist nicht immer vorhersehbar. Oft reicht es nicht, um die Ausgaben zu decken. Gibt es noch viele seiner Art? - möchte ich wissen. Er erklärt, das Durchschnittsalter von Schäfern liegt bei ca. 50 Jahren. Heute finden sich nur noch wenige Junge, die sich für diesen Beruf begeistern und dann auch entscheiden. Es ist nicht nur ein Outdoor-Job. Schäfer tragen Verantwortung. Für ihre Herde. Für Baum und Strauch. An Straßenrändern muss regelmäßig verschnitten und überwacht werden. Genaugenommen ist der Schäfer für fast alles verantwortlich. Zu schaffen machen ihm die Biber, die die Bäume fällen und das Wasser stauen. Ich frage mich, wie der Schäfer das regeln soll, wenn er bei seiner Herde ist. Der eine Hund sitzt inzwischen neben mir und drückt sich an mich. Vorsichtig lege ich eine Hand auf seinen Kopf und streichle ihn. Ich fühle, wie er, besser gesagt, sie das genießt. Als ich kurz aufhöre, stupst sie mich mit ihrer feuchten Nase an, um mehr Streicheleinheiten zu fordern. Die andere Hündin jagt derweil über die Weide Richtung Straße. Wiederholt muss der Schäfer sie zurückpfeifen, damit sie nicht in Gefahr kommt.

Der Schäfer erzählt mir davon, dass es immer weniger Winterweiden gibt und dass Bürokratismus und Schreibarbeit ihn nerven und zu viel Zeit kosten. Und dass er sich im Sommer 3 Wochen davon nimmt, um mit Frau und Kindern Urlaub zu machen. Müssen die Schafe dann in den Stall? Müssen sie nicht. Er versucht jemanden zu finden, der seine Arbeit übernimmt. Das ist nicht leicht.

Und dann ist da noch der Wolf. Woher kommen die Wölfe? Aus Russland und Polen? Aus der Schweiz? Aus Thüringen? Einer ist vor 2 Wochen genau hier gesichtet worden. Niemand weiß, ob er noch da ist, vielleicht drüben im nahegelegenen Wald lauert. Ein Schäfer fühlt sich verantwortlich für die Sicherheit seiner Herde. Wölfe dürfen nicht geschossen werden. Schäfer sind unbewaffnet, abgesehen von ihrem Hirtenstab. Ich frage ihn, ob er Angst hat. Ja, die Angst ist da. Sie hält manchen davon ab, diesen Beruf zu ergreifen.

Ich stehe mit dem Schäfer in der Natur und bin einfach dankbar. Für seine Worte. Für seine Freundlichkeit. Und für seine Offenheit. Für diesen ganz persönlichen Einblick, den er mir in sein Leben schenkt. Ich frage, ob ich ein Foto von ihm aufnehmen darf. Er lächelt und gibt sein OK.


Er wird Schäfer bleiben, ganz sicher. Ich sage ihm, dass ich mich darüber freue. Und dass er etwas ganz Besonderes ist mit seiner Berufung und seinem Weg.




Herzliches Dankeschön an den Schäfer bei Tafertsweiler (Ostrach)

2018-03-23



Copyright Brit Engesser