Edition Sterntaucher

Brit Rodenberg

 

Waldweihnacht der Chrischona-Gemeinde in Stetten
(bei Meersburg 2017-12-16)


Sie treffen sich beim Sportlerheim, eine Woche vor Weihnachten – so ist es Brauch.
Auch in diesem Jahr.

Große.
Kleine.
Und ganz Kleine.

Unter den Bäumen parkt ein Anhänger, vor dem drei Schafe stehen. Zwei helle und ein schwarzes. Die Drei starren verwirrt in die Runde. Wissen nicht, was das alles soll hier. Mit ein paar Holzpöllern haben die Großen den Platz für die Schafe provisorisch eingezäunt - damit die Schafe wissen, wo sie hingehören und bis wohin sie dürfen. Den Kleinen ist’s egal. Sie schlüpfen durch’s Gatter, um die Schafe zu streicheln und ihnen ihre Weihnachtswünsche ins Ohr zu flüstern. Von den Großen sind ein paar verkleidet. Sie wollen die Geschichte von der Geburt des Jesuskindes erzählen. Im Wald. Sie ziehen los.

Große.
Kleine.
Und ganz Kleine.

Die Kleinen tragen Fackeln. Die Großen passen auf, dass nichts passiert. Und die ganz Kleinen schauen groß. Der Waldweg ist matschig und aufgeweicht vom Regen. Geschneit hat es nicht. Bis jetzt. Der Herold sagt, wo’s lang geht. Hier und da bleiben sie stehen. Die Großen tragen Teile der Weihnachtsgeschichte vor. Die Kleinen hören zu. Die ganz Kleinen auch, obwohl sie noch nicht so viel verstehen. Ein paar Kleine machen als Schäfchen aktiv mit. Herrlich, wie die blöken können! Das animiert die Großen zum Mitblöken. Der ganze Wald blökt. Das ist lustig. Langsam kehrt Ruhe ein und sie singen gemeinsam ein Weihnachtslied. Der Herold erzählt von den Sternen, die heute  nicht zu sehen sind. Und dann irgendwann machen sie sich auf den Heimweg.

Große.
Kleine.
Und ganz Kleine.

Aus der Ferne leuchten die Feuer und weisen den Weg. Von weitem ist ein großes, rotes Tuch zu sehen, aufgehängt an einem Baum und von einer Lampe angestrahlt. Davor steht eine Bank. Hier wollen sie die Geburt des kleinen Jesus feiern. Einem Großen fällt ein, dass sie etwas WICHTIGES vergessen haben: Die Puppe! Die Puppe für das Jesuskind. Die brauchen Maria und Josef doch! Das ist so schade. Was sollen sie jetzt tun? Die Großen stehen ratlos. Die Kleinen springen sorglos drum herum. Die ganz Kleinen liegen im Kinderwagen. Könnte man vielleicht eins von denen … ?
Madlen hält ihr sechstes Kind im Arm. Die kleine Tamara schaut interessiert in die Runde. Nichtsahnend von der besonderen Rolle, die sie gleich übernehmen wird. Ein paar Worte unter Großen. Dann ist alles klar: Wir haben diesmal ein ECHTES, ein LEBENDIGES Jesuskind. Das gab’s noch nie! Die junge anmutige Maria, die eigentlich Lisa heißt. Und ihr Josef, der den ganzen Weg mit den Kleinen Schabernack getrieben und sie zum Lachen gebracht hat. Sein Name ist in Wirklichkeit Christian. Die beiden staunen nicht schlecht. Ja, das gab es wirklich noch nie. Maria. Josef. Mit dem Kind. Dem echten Kind!

Maria und Josef sitzen auf dem Bänkchen. Maria hält das Jesuskind im Arm. Sie schaut es stolz und liebevoll an. Ein Bild, das gefällt und Hoffnung schenkt. Die Großen ziehen ihre Kameras und Handys hervor, um diesen Moment festzuhalten. Die kleine Tamara merkt gleich, dass sie nicht bei ihrer Mama ist. Und protestiert lautstark. Das bringt den Herold bei seiner Predigt nicht aus der Ruhe. Alex ist das gewohnt. Er und seine Rosi haben selbst vier Kinder. Lächelnd meint nur er: "Das Jesuskind darf weinen. Jesus hat als Baby ganz bestimmt auch ab und zu mal geweint." Die Kleinen scharen sich um dieses ganz Kleine. Ein Mädchen versucht, es mit einer Streicheleinheit an der Wange zu trösten. Bald sind Kerzen verteilt und entzündet. Alle trällern noch ein Weihnachtslied. Die kleine Tamara hat sich inzwischen beruhigt und schaut gebannt auf die sprühenden Funken der Wunderkerzen.

Die viele Bewegung an der frischen Luft hat allen gut getan. Jetzt sind sie hungrig.

Die Großen.
Die Kleinen.
Und besonders die ganz Kleinen.

Leckere Wienerle, Punsch und Glühwein kommen da genau richtig. Sie setzen sich ums Feuer. Ein paar Schneeflocken schweben herab. Die Jungs holen sich Stöcke und halten sie in die Flammen. Sie fragen den Feuerwächter, ob er keine Angst hätte. Nein, hat er nicht. Lukas möchte wissen, ob sich der Feuerwächter traut, die Hände ins Feuer zu halten. Nein, das tut er nicht. Plötzlich bricht bei den Schafen Unruhe aus. "Ein Schaf fehlt! Es ist spurlos verschwunden!", ruft ein Großer. Welches? Das Schwarze. Natürlich. Wenn etwas los ist, dann immer mit dem schwarzen Schaf. Die Schafe sind ausgeliehen. Von einem Hirten. Und der möchte ALLE DREI heil wieder zurückhaben. Die Großen springen auf und laufen los, um das Schaf zu suchen. Eine Mischung aus Pflichtgefühl, Abenteuerlust und Jagdfieber treibt sie an. Die Kleinen sausen hinterher. Aber nein. So geht das nicht. Die Kleinen sollen beim Feuer bleiben und Wache halten. Und auf die ganz Kleinen aufpassen. So versammeln sie sich wieder um die lodernden Flammen. Die Großen beginnen aufzuräumen; die Kleinen toben noch ein bisschen herum. Die ganz Kleinen schlafen schon. Unvermittelt setzt heftiges Schneetreiben ein. Gut, dass das jetzt erst kommt. Der Schnee fällt in nassen Flocken. Auf große, kleine und ganz kleine Köpfe. Landet auf manch kleiner Zunge und schmilzt. Die Waldweihnacht neigt sich dem Ende. Für dieses Jahr. Es war schön. So wie immer. Diesmal war es besonders. Die Großen umarmen sich. Wünschen sich ein frohes Fest. Freuen sich auf die freien Tage. Auf die gemeinsame Zeit.

"Der Herold! Er hat das Schaf!!!", brüllt ein Kleiner.

Alle schauen sich um. Tatsächlich. Alex, der Herold kommt mit ein paar Großen durch den Schnee gestiefelt. Auf seinen Schultern trägt er das schwarze Schaf. Das wiegt sicher 30 kg. Oder mehr. Sie bringen es zu den beiden anderen, die den Ausreißer vorsichtig beschnuppern, offensichtlich erleichtert, ihn wieder bei sich zu haben. Der Herold schnauft kurz durch, schaut in die Runde und verkündet: "In meiner Herde geht kein Schaf verloren".

Für Rosi und Alex und ihre Kinder

Lieben Dank an Tanja :)

© Brit Engesser www.edition-sterntaucher.de